Aug
26
2009

Peru: Nev. Huascaran (6768 m) von Musho, Cordillera Blanca

Zu schwer fuer einen Burro

Nach zwei Tagen Pause in Huaraz fuehlten wir uns genuegend gestaerkt, um den Thron des Koenigs von Peru zu besteigen. Mit unserem HauschauffeuEdr Edgar ging es in gut eineinhalb Stunden von Huaraz nach Musho. Auf 3000 Meter luden wir bei einem Arriero unsere beiden Seesaecke auf zwei Esel. Unser Ziel, der Eisgipfel des Huascaran, tuermte sich wie ein uebermaechtiger Koloss vor uns auf und schien unnahbar. Gut drei Stunden Anstieg spaeter waren wir unserem Ziel schon ein ganzes Stueck neaher. Auf einer der Terrassen im Basislager auf 4200 Meter Hoehe schlugen wir unsere Zelte auf und kochten uns etwas Warmes zum Essen. Ferdl, der schon einen Tag nichts mehr gegessen hatte, musste ununterbrochen einen grossen Stein nach dem anderen aufsuchen: Diagnose Extremdurchfall.

Zwei Wege fuehren zum Ziel

Extrem geschwaecht konnte Ferdl am folgenden Tag nur noch ohne Rucksack in Richtung Refugio Huascaran (Huette) aufbrechen. Auf dem Zahnfleisch erreichte Ferdl nach drei Stunden die 4676 Meter hohe Schutzhuette. Lolo stieg wieder ab und holte seinen Rucksack und die anderen beiden stiegen weiter auf, um auf der Gletschermoraene einen geeigneten Zeltplatz zu finden. Schlussendlich uebernachteten wir auf 4850 Meter zu dritt in unserem Zwei-Mann-Quechua-Zelt. Schneefall und Graupelschauer liessen uns schnell ins Zelt fluechten. Ab jetzt ging es nur noch als Trio auf den Berg. Ferdl erholte sich von seiner Lebensmittelvergiftung auf der Huette.


Durch die Garganta

Um acht Uhr, fast ein wenig zu spaet, um der Sonne zu entgehen, machten wir uns auf den Weg auf den Gletscher. Nach gut einer Stunde hatten wir dasa Hochlager 1 passiert, was eigentlich unser Nachtlager sein sollte. Der Weiterweg sollte die schwierigste Passage am Huascaran sein: Die sogenannte Garganta (“Eisfall”) erwies sich als zahm und lies uns gnaedigerweise passieren. Ausser einem kurzen Steilstueck und jeder Menge hochhaustiefer Gletscherspalten waren fuer die gut 1000 Hoehenmeter jede Menge Kondition gefragt. Um halb eins, bei bruetender Hitze auf dem Gletscher, erreichten wir das gut besuchte Hochlager 2, auch “campo garganta” genannt. Auf 5900 Meter kochten wir fleissig Tee, Suppe und unsere geliebte Expeditionsnahrung. Am naechsten Tag sollten ein 12-koepfige Gruppe aus England mit uns zum Gipfelstrurm aufbrechen. Leider ging uns am Abend das Gas zum Kochen aus.

15 Stunden auf den Beinen

Puenktlich um 12 Uhr nachts laetete uns der Wecker aus dem  nicht vorhandenen Schlaf. Dadurch dass es so eng im Zelt war, konnte keiner von uns ein Auge zumachen. Voellig kaputt quaaelten wir uns aus dem warmen Schlafsack in die sternenklare, aber eiskalte Nacht. Gott sei Dank kochte uns der Koch der Englaender einen Topf Wasser mit, sonst haette es schlecht ausgesehen mit dem Gipfelanstieg. Um halb zwei Uhr brachen wir als erstes in Richtung Nordgipfel auf. Die Gruppe Englaender folgte mit ihren einheimischen Fuehrern.


Die Nacht liess im Schein der Stirnlampen nur spaehrlich erahnen, durch welch riesige Serrackzonen die Aufstiegsspur zog. Ein falscher Tritt haette fatale Folgen fuer die ganze Seilschaft gehabt. Im Morgengrauen hatten wir bereits nach fuenf Stunden Aufstieg die Schluesselstellen ueberwunden, allerdings machte uns die Kaelte kurz vor dem Gipfel so dermassen zu schaffen, dass gefuehllose Zehen, aufgeplatzte, blaue Lippen und Ganzkoerperzittern uns zur Umkehr zwangen. Eine halbe Stunde vor dem Gipfel, auf knapp 6700 Metern, drehten wir um, um Folgeschaeden an unseren Koerpern zu vermeiden. Dass unsere Entscheidung die richtige war, erkannten wir spaetestens beim Abstieg, als Johnny im Schneckentempo die Spur herunterkroch. Spaeter zeigte sich der Grund dieses Uebels: Er liess sich das letzte Essen nochmals durch den Kopf gehen :-) und markierte den Weg mit Huhn in Curryrahm.

Voellig entkraeftet kehrten wir zum Hochlager zurueck und liessen uns erst einmal in den Schatten der Schneemauern fallen. Der nette Koch der Englaender sah uns dahinsiechen, reagierte sofort und reichte uns einen Topf Wasser. Nachdem wir die letzten vorhanden Gels und Riegel hinunter gewuergt hatten, bauten wir unser Zelt ab und machten uns auf den Weg zu Ferdl ins Refugio Huascaran. Nach weiteren drei Stunden Abstieg in sengender Hitze durch die Garganta erreichten wir die Gletschermoraene, auf der die Huette steht. Da keiner mehr in der Lage war, das Zelt aufzubauen, goennten wir uns die Nacht mit Halbpension im Schutz der Huette.

Bergsteigerkodex missachtet

Die fuer den naechsten Tag um zwoelf Uhr bestellten Esel erschienen nicht im gut eine Stunde weiter unten gelegenen Basislager. Fuer uns bedeutete dies, zweieinhalb Stunden erneut einen riesigen Rucksack zu schleppen. Die von uns im Basislager deponierten Seesaecke waren ausserdem verschwunden. Material im Wert von mehreren Hunderten Euros ist nun im Besitz eines anderen, der den “Mountain Spirit” wohl nicht kennt.

Die Sicherheit in Huaraz ist weiblich

Das Kuriosum dieses Zwischenfalls folgte tagsdarauf im Polizeibuero von Huaraz: Zwischen vier und sechs junge, huebsche Polizistinnen kuemmerten sich ruehrend, um unsere Anzeige zu Papier zu bringen. Nun ist jeder von uns im Besitz eines hoechst offiziell erscheinenden Dokuments mit Fingerabdruck und diversen Stempeln. Die Aufnahme fuer dieses Papier dauerte geschlagene drei Stunden in einer hoechstens 15 Quadratmeter grossen Polizeistation. Obwohl die eine Seite die andere nicht verstand, herrschte keinesfalls Totenstille in dem Buero.

Höhenprofil
Huascaran (Download GPS-Track)

Geschrieben von Lolo in: Bergsteigen | Schlagwörter: , , , , ,
Aug
19
2009

Peru: Urus (5495 m), Ishinca (5530 m) und Tocllaraju (6034 m) von der Quebrada Ishinca

Arriero Clemente

Nach einstuendiger Fahrt ueber Schotterpisten und Schlagloecher sind wir an unserem Ausgangspunkt in Cochapampa angekommen. Dort, auf knapp 3800 Metern Hoehe, erwarteten uns neben einem Fussballfeld zwei Traeger (Arrieros) und drei Esel (Burros). Zwei der Vierbeiner belud unser Arriero, genannt Clemente, mit unseren hellgruenen Seesaecken. Nach wenigen Metern war Clemente und seine Tiere auf und davon und wir mussten die vier Stunden alleine ins Basislger auf 4380 Metern zuruecklegen. Dort angekommen, stellten wir unsere Zelte neben einer grossen Steinhoehle auf, die uns in den naechsten Tagen als Essplatz, Aufenthaltsraum und Depot dienen sollte. Den folgenden Tag nutzten wir zur Akklimatisation: In drei Stunden wanderten wir auf einen See auf 5000 Meter Meereshoehe.

Ein Leben mit Kopfweh

Um uns fuer hoehere Aufgaben zu qualifizieren, stand erst einmal der erste Fuenftausender an: Nach einem gemuetlichen Fruehstueck starteten wir um sechs Uhr mit dem steilen Aufstieg in Richtung Urus. Dieser Gipfel liegt noerdlich des Basislagers, ist 5495 Meter hoch, aber technisch unschwierig. Beim Auf- und Abstieg war ein leichtes Kopfweh unser staendiger Begleiter: Die fehlende Anpassung an die Hoehe und die bedingungslos herabbrennende Sonne taten das Ihre dazu. Um 11 Uhr erreichten wir bei bestem Wetter den Gipfel, der fuer Poschi und Ferdl einen neuen Hoehepunkt markierte.


Lang, laenger, Ishinca

Tags darauf begannen wir unseren Aufstieg ins Richtung Nev. Ishinca (5530 m) schon um vier Uhr. Bei Dunkelheit legten wir einen Grossteil des langen Weges zum Gletscher zurueck. Als uns am Grat, etwa eine Stunde vom Gipfel entfernt, die Sonne erreichte, schwanden unsere Kraefte rapide: Beim Abstieg ueber ein flaches Gletscherbecken zog uns die Sonne die letzten Koerner aus den Beinen. Kurz vorm Sonnenstich stolperten wir das lange Seitental zurueck in unser Basislager. Sichtlich angeschlagen nutzten wir den naechsten Tag zur Erholung und mentalen Vorbereitung auf unseren ersten Sechstausender.

Baden, Ausruestung packen und beschaedigtes Material reparieren waren angesagt. Dabei enpuppte sich Ferdl zum Handwerker mit der Bergzeugkiste :-) . Dank ihm waren die Hosen von Poschi und Lolo, sowie der gebrochene Karbonstock von Poschi im nu wieder halbwegs ganz.

Schwer bepackt hinauf ins Hochlager

Mit einem Kribbeln im Bauch machten wir uns mit teils grenzwertig bepackten Rucksaecken auf den Weg in Richtung Tocllaraju (6034 m). Fuer die 900 Hoehenmeter benoetigten wir vier Stunden. Auf 5300 Meter, mitten im Gletschereis, errichteten wir unser Lager fuer die kurze Nacht. Um zwei Uhr in der Nacht weckte uns das Piepen unserer Uhren. Bei sternenklarer Nacht stapften wir um Viertel nach drei im Schein unserer Stirnlampen, mit Steigeisen an den Fuessen bergan.

Nach 20 Metern kamen uns eine Gruppe “Bergsteiger” samt Fuehrern entgegen. Sie sprachen von herabstuerzenden Eisbrocken, die sie nur um Haaresbreite verfehlt hatten. Unbeeindruckt von den geschockten Gesichtern setzten wir unseren Aufstieg in Richtung Nordwestgrat fort. Nach einigen Steilstufen und Steileisklettereien erreichten wir in technisch anspruchsvollem Gelaende nach sechs Stunden den Gipfel, der nichts weiter als ein wolkenkratzergrosser Serack ist.

1600 Meter weiter unten

Am Abend, als wir ins Basislager zurueckgekehrt waren, feierten wir unseren ersten gemeinsamen Sechstausender in der nachegelegenen Ishincahuette. Bei einer Flasche Rotwein und ein paar Cervezas beglueckwuenschten uns auch die Fuehrer der gescheiterten Gruppe.

Nach sechs Tagen Expeditionsnahrung ging es mit unserem bewaehrten Arriero Clemente zurueck in die Zivilisation. In Huaraz angekommen zaehlte nach einer warmen Dusche nichts anderes mehr als essen, essen und nochmals essen. Den Abend liessen wir an Lolos Geburtstag mit einem fleischlastigen Abendmahl ausklingen.

In zwei Tagen gehts nach Musho, an den Fuss des 6768 Meter hohen Huascaran. Bis dahin goennen wir uns noch ein paar ruhige Stunden in Huaraz.



Geschrieben von Lolo in: Bergsteigen | Schlagwörter: , , , , , ,